Eine verständliche und wissenschaftliche Erklärung des felinen Leberstoffwechsels
Katzen verstoffwechseln ätherische Öle anders als viele andere Tiere. Der Grund dafür liegt in ihrem speziellen Leberstoffwechsel. Dieser Unterschied betrifft insbesondere die Fähigkeit ihres Körpers, bestimmte körperfremde Stoffe abzubauen und wieder auszuscheiden. Dazu gehören auch viele Bestandteile ätherischer Öle. Der Grund dafür ist kein „empfindlicheres Wesen“, sondern ein messbarer, biochemischer Unterschied in der Funktionsweise ihrer Leber.
Um zu verstehen, warum Katzen ätherische Öle anders verstoffwechseln, ist es wichtig, zunächst zu verstehen, wie der Körper grundsätzlich mit solchen Stoffen umgeht.
Die Leber als zentrales Organ für den Abbau körperfremder Stoffe
Sobald ein Stoff in den Körper gelangt, beginnt ein klar strukturierter Prozess. Dieser Stoff kann über verschiedene Wege aufgenommen werden. Zum Beispiel über die Atemwege beim Einatmen eines Duftes, über die Haut beim Kontakt mit einer Substanz oder über den Verdauungstrakt, wenn ein Stoff oral aufgenommen wird. Den Kontakt eines Organismus mit einem Stoff bezeichnet man als Exposition.
Gelangen Bestandteile ätherischer Öle in den Körper einer Katze, werden sie über den Blutkreislauf zur Leber transportiert. Die Leber ist das wichtigste Organ für den Abbau solcher körperfremden Stoffe, die man auch als Xenobiotika bezeichnet. Dazu gehören sowohl Arzneimittel als auch natürliche Pflanzenstoffe.
Viele Bestandteile ätherischer Öle sind lipophil, das bedeutet fettlöslich. Fettlösliche Stoffe können nicht direkt über den Urin ausgeschieden werden. Damit der Körper sie eliminieren kann, müssen sie zuerst chemisch umgewandelt werden. Dieser gesamte Vorgang wird als Biotransformation bezeichnet.
Glucuronidierung bei der Katze, ein zentraler Schritt der Entgiftung
Ein besonders wichtiger Schritt dieser Biotransformation ist die sogenannte Glucuronidierung. Dabei wird ein Stoff an ein Molekül namens Glucuronsäure gebunden. Diese Bindung verändert die chemischen Eigenschaften des Stoffes. Er wird dadurch wasserlöslich und kann über die Nieren oder über die Galle ausgeschieden werden.
Die Geschwindigkeit, mit der ein Stoff abgebaut und ausgeschieden wird, bezeichnet man als Eliminationszeit. Je effizienter dieser Prozess funktioniert, desto schneller wird ein Stoff aus dem Körper entfernt.
Die Glucuronidierung wird von speziellen Enzymen durchgeführt. Diese Enzyme gehören zur Gruppe der UDP-Glucuronosyltransferasen, kurz UGT.
Der entscheidende Unterschied im Stoffwechsel von Katzen
Hier liegt der zentrale Unterschied zwischen Katzen und vielen anderen Säugetieren. Katzen besitzen nur eine eingeschränkte Aktivität bestimmter UGT-Enzyme. Besonders betroffen ist das Enzym UGT1A6, das bei anderen Tierarten eine wichtige Rolle beim Abbau vieler Pflanzenstoffe spielt.
Da dieses Enzym bei Katzen nur eingeschränkt funktionsfähig ist, werden bestimmte Stoffe langsamer metabolisiert. Metabolisieren bedeutet in diesem Zusammenhang, dass ein Stoff chemisch verändert wird, damit er ausgeschieden werden kann.
Wenn dieser Prozess langsamer abläuft, verbleibt der Stoff länger im Körper. Dadurch verlängert sich seine Eliminationszeit.
Was Kumulation bedeutet und warum sie entsteht
Wenn ein Stoff langsamer ausgeschieden wird, kann es zu einer sogenannten Kumulation kommen. Kumulation bedeutet, dass sich ein Stoff im Körper ansammelt, weil neue Mengen aufgenommen werden, bevor die vorherige Menge vollständig ausgeschieden wurde.
Man kann sich das wie ein Waschbecken vorstellen, dessen Abfluss verengt ist. Wenn kontinuierlich Wasser nachfließt, aber der Abfluss nur langsam arbeitet, steigt der Wasserstand. Im Körper bedeutet das, dass die Konzentration eines Stoffes im Laufe der Zeit ansteigen kann, wenn die Aufnahme schneller erfolgt als die Ausscheidung.
Dieser Mechanismus ist ein grundlegendes pharmakokinetisches Prinzip und betrifft alle Stoffe, die über diesen Stoffwechselweg verarbeitet werden.
Welche Bestandteile ätherischer Öle davon betroffen sind
Ätherische Öle bestehen aus komplexen Mischungen verschiedener chemischer Verbindungen. Einige dieser Verbindungen müssen über Glucuronidierung metabolisiert werden.
Eugenol – ein Beispiel aus Nelkenöl
Eugenol ist ein Molekül, das in hoher Konzentration im ätherischen Öl der Gewürznelke vorkommt. Chemisch gehört es zur Gruppe der Phenole. Phenole sind eine Stoffklasse, die in der Leber metabolisiert werden muss, um ausgeschieden werden zu können.
Da Katzen eine eingeschränkte Fähigkeit zur Glucuronidierung besitzen, kann sich die Eliminationszeit solcher Stoffe verlängern.
Thymol – ein Bestandteil bestimmter Thymianöle
Thymol ist ein Hauptbestandteil bestimmter Chemotypen des ätherischen Thymianöls, insbesondere des Thymian ct. Thymol. Auch Thymol gehört zur Gruppe der Phenole und wird über Glucuronidierung metabolisiert.
Carvacrol – ein Hauptbestandteil von Oreganoöl
Carvacrol ist ein weiteres Phenol und kommt in hoher Konzentration im ätherischen Öl von Oregano vor. Auch dieser Stoff benötigt funktionierende metabolische Prozesse, um effizient ausgeschieden zu werden.
Benzylalkohol – ein Bestandteil bestimmter Blütenextrakte
Benzylalkohol kommt unter anderem in Jasmin Absolue und in kleineren Mengen in anderen Blütenextrakten vor. Auch dieser Stoff wird über Glucuronidierungswege metabolisiert.
Diese Beispiele zeigen, dass es sich um klar definierbare biochemische Prozesse handelt, die unabhängig davon sind, ob ein Stoff natürlichen oder synthetischen Ursprungs ist.
Ein bekanntes Beispiel aus der Tiermedizin – Paracetamol
Ein besonders gut untersuchtes Beispiel für diesen Stoffwechselunterschied ist Paracetamol. Paracetamol ist ein Schmerzmittel, das beim Menschen häufig eingesetzt wird. Katzen können Paracetamol jedoch nicht sicher metabolisieren.
Der Grund liegt im selben Stoffwechselweg. Da Katzen Paracetamol nicht effizient über Glucuronidierung abbauen können, wird ein alternativer Abbauweg genutzt. Dabei entstehen reaktive Zwischenprodukte, die Zellen schädigen können.
Dieses Beispiel zeigt deutlich, dass die Fähigkeit zur Glucuronidierung eine entscheidende Rolle für die sichere Verarbeitung bestimmter Stoffe spielt.
Das Putzverhalten von Katzen als zusätzlicher Faktor
Ein weiterer wichtiger Faktor ist das natürliche Verhalten von Katzen. Katzen verbringen einen erheblichen Teil ihres Tages mit der Fellpflege. Dabei wird alles, was sich auf ihrem Fell befindet, über die Zunge aufgenommen.
Ein Stoff, der ursprünglich nur auf der Haut vorhanden war, kann dadurch in den Verdauungstrakt gelangen und systemisch aufgenommen werden. Systemisch bedeutet in diesem Zusammenhang, dass der Stoff über den Blutkreislauf im gesamten Organismus verteilt wird.
Das erhöht die Gesamtmenge des Stoffes, die metabolisiert werden muss.
Was diese biochemischen Unterschiede konkret bedeuten
Der entscheidende Punkt ist nicht, dass Katzen grundsätzlich unfähig sind, solche Stoffe zu verarbeiten. Vielmehr unterscheiden sich Geschwindigkeit und Effizienz bestimmter metabolischer Prozesse.
Wenn ein Stoff langsamer metabolisiert wird, bleibt er länger im Organismus. Die Eliminationszeit verlängert sich. Wenn wiederholt neue Mengen aufgenommen werden, kann sich die Konzentration im Körper erhöhen.
Diese Prozesse folgen klar definierten pharmakokinetischen Prinzipien.
Zusammenfassung der physiologischen Grundlagen
Katzen unterscheiden sich im Stoffwechsel bestimmter Pflanzenstoffe aufgrund einer reduzierten Aktivität spezifischer Enzyme, die für die Glucuronidierung verantwortlich sind. Diese enzymatischen Unterschiede führen dazu, dass bestimmte Stoffe langsamer metabolisiert und ausgeschieden werden.
Dieser Unterschied ist eine Folge der evolutionären Anpassung der Katze als obligater Karnivore und stellt eine artspezifische Besonderheit des felinen Stoffwechsels dar.
Über Cindy Kuhn
Cindy Kuhn ist Aromatherapeutin für Tiere und Ausbilderin im Bereich Tieraromatherapie mit über 17 Jahren praktischer Erfahrung in der Arbeit mit Pferden, Hunden und Katzen. Ihr Schwerpunkt liegt auf der sicheren und physiologisch fundierten Anwendung aromatischer Pflanzenstoffe bei Tieren sowie der Vermittlung evidenzbasierter Grundlagen des tierischen Stoffwechsels. In ihren Aus- und Weiterbildungen verbindet sie praktische Erfahrung mit biochemischem Fachwissen, um Tierhalter und Fachpersonen in einer verantwortungsvollen Anwendung zu schulen.
Weiterführende Links
- Podcast: #3 Ätherische Öle bei Katzen – gefährlich oder Mythos? | Aromatherapie für Tiere
- auch bei YouTube: #3 Ätherische Öle bei Katzen – gefährlich oder Mythos? | Aromatherapie für Tiere
- Selbstlernkurs: TierAroma Code – Der Schlüssel zur sichern Aromatherapie für dein Tier
- Online-Kurs AROMATHERAPIE FÜR TIERE 2.0



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